Veränderte Genusskultur durch Migration?

Heute haben über 20 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Diese Tatsache hat die kulinarischen Systeme maßgeblich beeinflusst. Die große Zahl von Flüchtlingen aus den Krisenländern Afrikas und vor allem der arabischen Welt – über 1,3 Millionen sind es derzeit, Tendenz steigend – dynamisiert diesen Prozess erheblich! Die neuen Flucht- und Migrationsbewegungen haben mittelfristig gravierende Auswirkungen auf die Europäische Esskultur und die Vorstellungen von Genuss.

Erstens: Es kommt zu einer zunehmenden Bedeutung der Religionen, gerade auch beim Essen. Derzeit ist global gesehen eine Thematisierungskonjunktur der religionskonformen Ernährung zu beobachten. Für viele Konsumenten ist die Frage, ob das Essen halal oder auch koscher ist, von überragender Bedeutung. Als Gegenbewegung wird es nicht nur neuen Laizismus (Anm: Trennung von Kirche und Staat) geben, sondern auch Neuinterpretationen des aus christlicher Perspektive korrekten Essens. Dort, wo um religiöse Korrektheit gerungen wird, gibt es einen klaren Verlierer: Genuss.

Zweitens: Der demografische Wandel gestaltet sich bei Menschen mit Migrationshintergrund anders: Hier ist der Trend zum Single-Haushalt deutlich schwächer ausgeprägt. Essen in Gemeinschaft spielt eine viel größere Rolle. Bei Menschen mit Migrationshintergrund bedeutet dies: Genuss ist nicht primär stofflich bedingt, sondern sozial. Gemeinschaft, Rituale und Chronologien generieren Genuss stärker als Produkte. Hinzu kommt: Speisen aus der Heimatküche sind dabei nicht immer oder nur schwer realisierbar, da die alltägliche Versorgungsküche in Gemeinschaftsunterkünften natürlich nicht immer das ideale Setting bieten. Die nun seltener gegessene heimatliche Kost wird somit zu etwas Besonderem, sie stiftet Identität, sie wird zu soul food.

Drittens: Geflüchtete haben ein anderes Ernährungs- und Genussverhalten als Menschen mit Migrationshintergrund. Auf der einen Seite führt der Stress von Heimatverlust und Flucht zu starkem Beharren an gewohnten Strukturen. Genuss bedeutet hier vor allem Heimat. Auf der anderen Seite ist meist ein ausgeprägtes Akkulturationsstreben (Anm.: Hineinwachsen in kulturelle Umwelt durch Erziehung) zu beobachten. In der neuen Heimat möchte man sich zurechtfinden und eingliedern. Die Ernährung bildet dabei das wichtigste Instrument. Bei allein eingereisten Geflüchteten ist diese Tendenz noch deutlich stärker ausgeprägt. Kulturelle Orientierungs- und Heimatlosigkeit führen zur Suche nach festen Strukturen. Das betrifft gerade auch Ernährung und Genuss. Angehörige dieser Gruppen essen oft in Gemeinschaftsunterkünften, zeigen aber ein ausgeprägtes Bestreben, ihnen bekannte Lebensmittel und Gewürze in meist arabischen Geschäften einzukaufen. Die Annäherung an das Aufnahmeland erfolgt vor allem über Markenartikel, die über Medien und Werbung wahrgenommen und dann symbolisch konsumiert werden, vor allem im Bereich fast food, soft drinks und Süßigkeiten.

Viertens: In der mitteleuropäischen Esskultur standen Internationales und Exotisches lange für maximalen Genuss. Zunehmende Globalisierungstendenzen und die verstärkten Migrationsströme haben nicht nur ein neues Bedürfnis nach regionalem Essen entstehen lassen, sondern auch eine neue Aufwertung der amerikanischen Küche: Der Burger bedrängt den Döner. Inzwischen und künftig wohl auch stärker kommt es zu einer Wiederkehr kulinarisch-nationaler Strukturen; die Burger-Kette Hans im Glück ist hierfür ein treffendes Beispiel.

Die Zukunft des Genusses – eine Bilanz

Genuss hat eine große Zukunft, aber es wird nicht der Genuss des 20. Jahrhunderts sein. Die postmoderne Lebensstilgesellschaft definiert sich zunehmend über neue Ernährungs- und damit auch Genuss-Stile. Dabei kann Genuss ganz anders interpretiert werden: Als stofflicher Genuss klassischen Zuschnitts, als neuer Genuss in Verbindung mit Weltrettung, Selbstoptimierung oder auch religiöser und pseudoreligiöser Erfüllung, oder als niedrigschwelliger Genuss in einer Welt on the run. Der Kunde von Morgen fordert Produkte für den Genuss von Morgen. Der Markt muss sie nur noch liefern.