Industrie 4.0 in der Ernährungsbranche:

Wenn der Kühlschrank nachbestellt – Kundenwünsche individuell erfüllt

Was hat unser tägliches Essen mit der industriellen Revolution oder gar mit der Welt der Chips, Bits und Bytes zu tun? Auf den ersten Blick zunächst einmal nichts, so scheint es zumindest. Und es war auch über Jahrhunderte tatsächlich so. Sogar noch zu Zeiten der ersten industriellen Revolution. Wer in seinem Haus oder im Nebengebäude Platz hatte, hielt sich Hühner, Kaninchen oder – vor allem in ländlichen Regionen – eine Ziege oder ein Schwein. Es galt, die Ernährung der Familie zu sichern oder zu verbessern. Aus den Rohstoffen wurden zeitnah und frisch die Mahlzeiten für alle Familienmitglieder gekocht. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Oder es wurde gefastet. Diese Epoche, die aus einer Mischung von Selbstversorgung und Einkauf auf Märkten basierte, ist erst seit wenigen Jahrzehnten nicht mehr üblich. Vielfalt ist gefragt. „Industrie 4.0“ heißt hier das neue Zauberwort.

Wer heute den Katalog eines Tiefkühl-Dienstes oder den Flyer eines Pizza-Services in die Hand nimmt, hat das beste Beispiel der fortschreitenden Industrialisierung vor Augen. Doch die Forderung, „möglichst viel und schnell“ ist längst um die Bedingungen „möglichst gut und individuell“ erweitert worden. Was heute unter dem Begriff „Industrie 4.0“ läuft, spiegelt die jüngste Stufe der industriellen Revolution wider. Immer mehr Maschinen im Produktionsablauf haben – ähnlich wie ein PC – ihre eigene IP-Adresse und sind damit netzwerkfähig. Sie können also untereinander kommunizieren und die für den Produktionsprozess notwendigen Daten austauschen. Was in der Investitionsgüter- oder Konsumgüterindustrie bereits zum Alltag gehört, greift nun auch auf die Lebensmittelindustrie über. Vom Wareneingang bis zur Logistik reicht die Spanne einschließlich der Roboter, die in sterilen Räumen rund um die Uhr Schnitzel schneiden oder Fertigmahlzeiten verpacken.

Doch auch das Verhalten der Verbraucher hat mit jeder Stufe des industriellen Fortschrittes Schritt gehalten, ihm einen neuen Takt gegeben und sich immer wieder geändert. In Zeiten der schnell wechselnden Lifestyle-Produkte passt sich der Kunde schnell neuen Optionen des Konsums an. Was möglich ist, wird auch gefordert. Als Vorläufer dieser Konsumkultur dient nicht nur die Pizza, die individuell belegt ihren Weg auf den heimischen Esstisch nimmt, sondern auch das Müsli, das nach eigenen Wünschen gemischt bereits am nächsten Morgen zur ausgewogenen Ernährung beitragen soll. Oder – etwas teurer - die eigens komponierte Geburtstags-Cuvée zum individuellen Trinkgenuss.

Je komplexer die Wünsche, desto flexibler die Herstellung

Doch die Produktionsprozesse in der Lebensmittelbranche sind mit diesen Aufgaben noch lange nicht überfordert. Je komplexer die Wünsche sind, desto flexibler müssen die Herstellungsprozesse gestaltet werden. Dazu ist es notwendig, dass die Systeme miteinander vernetzt sind und miteinander kommunizieren können. Die Herstellungstechnologien sind längst in der Lage, die erforderlichen Regelungsaufgaben eigenständig zu übernehmen und zu kontrollieren. Damit wurde der Weg zur lernfähigen Fabrik beschritten, die neue und individuelle Produkte eigenständig und auftragsgemäß fertigt. In Verbindung mit einem 3-D-Drucker gelingt es unter anderem, Teigwaren in nahezu beliebiger Qualität, Form- und Farbgebung auch in geringen Mengen herzustellen. Die Produktion erfolgt somit „on demand“, also unmittelbar, wenn das Erzeugnis nachgefragt ist und zeitnah verwendet werden soll. Auch was als großes Einzelstück hergestellt, aber nur in kleinen Mengen verkauft wird, kann auf diese Weise seinen Markt finden.

Vermeidung von Übermengen und Abfall

Was also nicht benötigt wird, wird auch nicht hergestellt. Die Vorteile dieses Verfahrens sind vielfältig und tragen im besten Fall sogar zur Vermeidung von Übermengen und damit unnötigem Abfall bei. Was besonders im Zusammenhang mit Lebensmitteln als wünschenswert gilt. Außerdem entfallen einerseits die Lagerkosten und andererseits können die geringeren zu transportierenden Rohstoff- und Fertigproduktmengen mit kleineren LKW oder mit weniger Fahrten bewegt werden. Die Kommunikation der Maschinen untereinander macht jedoch in den Mauern der Produktionsstätten nicht Halt. Sobald auch der Kühlschrank, die Bierkiste und das Weinregal ihre eigene IP-Adresse haben, ist der Weg für ein privates Warenwirtschaftssystem frei. Fehlt nur noch die Eingabe, was bei wie großen Fehlmengen in welchen Abständen bei welchem Lieferanten geordert werden soll. In Verknüpfung mit einer Sprach-Software sollte es künftig nicht wundern, wenn der Kühlschrank nach der Entnahme der vorletzten Milchpackung fragt: „Abholen oder bringen lassen?“